Erst 17-Jährig und schon Leistungsträgerin im Klub und Nationalspielerin. Die Gockhauserin Charlotte Kähr gilt als Versprechen für die Zukunft.

«In der Abwehr ist sie bereits unverzichtbar», sagt Christoph Sahli und korrigiert das Adjektiv doch umgehend. «Unverzichtbar ist ein blödes Wort. Sagen wir stark.» Der Trainer vom LK Zug spricht von Charlotte Kähr. Gerademal 17 Jahre jung ist das Handball-Talent aus Gockhausen. Und doch hat sie bereits eine tragende Rolle beim langjährigen Spitzenklub der SPL1 – der höchsten Spielklasse.

Tatsächlich ist der sportliche Weg von Kähr beachtlich. Zwar stammt die Glattalerin aus einer handballbegeisterten Familie, der Nachwuchsabteilung von GC Amiticia Zürich trat sie dennoch erst mit 13 bei. «Ich habe ganz viele Sportarten ausprobiert», sagt sie. So brachte Kähr gute Voraussetzungen fürs Kunstturnen und Klettern mit. Ins Leistungszentrum des Turnverbands in Rüti («Ich war ein Mami-Titti») wollte sie aber nicht.

Im Klettern drohte ihr später trotz je einem U-12-Meistertitel im Speed und Bouldern nach einer Verletzungspause der Rauswurf aus dem Zürcher Regionalkader. «Ich hätte mich an einem Kletterwettkampf bewähren müssen und hatte gleichzeitig die Einladung für ein Turnier der Handball-Regionalauswahl. Deshalb habe ich mich für den Sport entschieden, in dem die Trainer an mich glaubten», blickt Kähr zurück.

Die nächste Trouvaille

Dann ging es schnell. Schon als 15-Jährige läuft sie für GC Amiticia in der 1. Liga auf, im Sommer 2017 folgt der Wechsel zum LK Zug, wo sie zunächst für das in der SPL2 spielende zweite Team vorgesehen ist, diese Pläne aber noch vor dem Saisonstart über den Haufen geworfen werden. Kähr kommt schnell in der ersten Mannschaft zum Einsatz. In der Lokalpresse wird von der «nächsten Trouvaille der Zuger Talentschmiede» gesprochen.

Es ist wohl keine Übertreibung. In ihrer zweiten Saison auf höchster Stufe zählt Kähr bereits zu den erfolgreichsten Skorerinnen im Team. Ihre Schusskraft gilt als aussergewöhnlich.

«Charlotte bringt von der Physis her sehr gute Voraussetzungen mit», sagt Trainer Sahli über die 1,73 Meter grosse und 75 kg schwere Handballerin. Er bezeichnet sie trotz ihres jugendlichen Alters sogar als krafttechnisch beste Spielerin der Liga überhaupt.

Dazu kommt: Bezüglich Schnelligkeit und Ausdauer hat die Rückraumspielerin zugelegt. Kähr selbst sieht im mentalen Bereich noch Aufholbedarf und feilt im Training an neuen Schuss-Varianten. «Sie schont sich nie. Für einen Trainer ist das ideal», sagt Sahli.

Er kennt Kähr schon aus seiner Zeit als U-20-Trainer beim Verband und war mit ein Grund, weshalb sie sich beim Klubwechsel für Zug – und damit gegen Brühl, einem weiteren Interessenten entschied.

Apropos Brühl. Gegen die St. Gallerinnen kämpft Charlotte Kähr mit Zug ab Samstag im Playoff-Final (best of 3) um den Meistertitel. Da der 30-fache Meister und Traditionsverein – dort der Emporkömmling der letzten Jahre mit vier Titeln zwischen 2010 und 2015. Es ist ein Duell auf Augenhöhe. «Wer sein Potenzial in den entscheidenden Momenten auf die Platte bringt, wird die Serie für sich entscheiden», ist sich Sahli sicher.

Vorfreude auf WM-Playoffs

Für Kähr ist es nicht der letzte Höhepunkt der Saison. Anfang Juni trifft sie mit dem Nationalteam in den WM-Playoffs auf Dänemark. Dafür hatten sich die Schweizerinnen im November an einem Vierländerturnier erstmals überhaupt qualifiziert. Neuling Kähr machte dort bei ihrer ersten Einwechslung im Spiel gegen Finnland gleich mit drei Toren auf sich aufmerksam.

Dänemark, der WM-Sechste von 2017, dürfte für das junge Team nun nochmals eine deutliche höhere Hürde darstellen. Kähr kümmert es wenig – sie sagt: «Nichts ist unmöglich.»

Es ist nicht zuletzt diese Kombination aus Ehrgeiz und Entschlossenheit, welche die achtfache Nationalspielerin auszeichnet. Aus ihren Ambitionen macht sie kein Geheimnis. Bereits in einem Jahr – nach Abschluss ihrer KV-Ausbildung – strebt die Absolventin der United School of Sports einen Transfer ins Ausland an. Dass Kähr das Zeug dazu hat, steht für Sahli ausser Frage. «Sie kann schon jetzt in einem Mittelfeld-Klub einer Topliga eine gute Position einnehmen», ist er überzeugt.

Doch wer mit Kähr spricht, dem wird schnell klar, dass es mit dem Sprung über die Landesgrenze nicht getan ist. «Eine Teilnahme am Champions-League-Final ist mein langfristiges Ziel», sagt sie.

Dass dies kein Wunschdenken sein muss, zeigt gerade ihre frühere Zuger Klubkollegin Daphne Gautschi. Sie wechselte im letzten Sommer nach Metz. Mit den Französinnen bestritt sie am Wochenende das Finalturnier der Champions League in Budapest. Mit 18 Jahren.

(David Schweizer / zueriost.ch)